Unternehmerwissen für Steuerberater & Steuerkanzleien
Manchmal entstehen die besten Gedanken nicht geplant, sondern als kleine Kettenreaktion.
So ging es mir auch hier.
Auslöser war die Lektüre des neuen Buches Seven von Joanna Kavenna. Gleich zu Beginn stolperte ich über die sogenannte Box Philosophy der isländischen Innovationsforscherin Alda Jónsdóttir. Ein Gedanke, der hängen bleibt – und sich nicht mehr abschütteln lässt.
Der berühmte Begriff Thinking outside the box führt historisch zurück zum 9-Punkte-Rätsel des Mathematikers Henry Ernest Dudeney aus dem Jahr 1901. Die Lösung gelingt nur, wenn man die imaginäre Begrenzung der neun Punkte verlässt. Ein schönes Bild. Und doch trügerisch einfach.
Denn Alda Jónsdóttir stellt eine viel unbequemere Frage:
Was, wenn außerhalb der Box eine weitere Box liegt?
Woher wissen wir eigentlich, ob wir uns innerhalb oder außerhalb der Box befinden?
Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen. Und weil ich mich seit letztem Jahr intensiver mit Philosophie beschäftige, habe ich sie kurzerhand mit meiner ChatGPT-Professorin Murakami weitergedacht. 😉
Das Ergebnis dieses Denkdialogs ist der folgende Beitrag.
Stell dir vor, du sitzt in einer Kanzleirunde.
Die Stimmung ist konstruktiv, der Wille zur Verbesserung ehrlich.
Die Frage steht im Raum: „Was machen wir jetzt?“
Und dann kommen sie. Die Klassiker:
Klingt vernünftig. Ist es auch. Und genau hier beginnt das Problem.
Willkommen im Kanzlei-Multiple-Choice-Denken
Viele Entscheidungen in Kanzleien funktionieren wie eine gut gemeinte Multiple-Choice-Frage. Die Optionen sind sauber formuliert, fachlich korrekt und vertraut. Man wählt, was am besten passt – und fühlt sich handlungsfähig.
Was dabei oft übersehen wird:
Die wirklich entscheidende Option steht gar nicht zur Auswahl.
Oder anders gesagt:
Kanzleien lieben Antworten – verlieren aber zunehmend die Fragekompetenz.
Die Innovationsdenkerin Alda Jónsdóttir bringt es in ihrem Buch „None of the Above“ mit einem wunderbaren Bild auf den Punkt.
„Thinking outside the box“ funktioniert erst dann, wenn wir überhaupt erkennen, dass wir in einer Box denken – und wie diese gebaut ist.
In Kanzleien besteht diese Box oft aus:
Das ist nichts Schlechtes.
Doch es erklärt, warum neue Fragen oft als unbequem empfunden werden – während neue Antworten gefeiert werden.
Automatisierung, KI, neue Tools – alles ist verfügbar. Was fehlt, ist nicht Technik, sondern Orientierung.
Typische Kanzlei-Fragen klingen heute so:
Selten gefragt wird:
Oder die wichtigste Frage, die oft vergessen wird:
Was, wenn keine der angebotenen Antworten die richtige ist?
Genau hier setzt Alda Jónsdóttirs Gedanke von „None of the Above“ an.
Nicht als Trotzreaktion, sondern als Einladung.
„None of the Above“ bedeutet:
Für Kanzleien heißt das ganz konkret:
Nicht sofort zwischen A, B oder C wählen – sondern kurz innehalten und fragen:
Welche Option fehlt hier eigentlich?
In Zeiten von KI passiert etwas Paradoxes:
KI liefert dir in Sekunden zehn Lösungswege.
Aber sie entscheidet nicht, welche Frage strategisch klug ist.
Das bleibt eine zutiefst menschliche Kompetenz – und eine Beraterkompetenz.
Douglas Adams hätte vermutlich geschmunzelt. In Per Anhalter durch die Galaxis ist 42 die Antwort auf alles.
Nur kennt niemand mehr die eigentliche Frage.
Und genau darin liegt die Gefahr unserer Zeit: Antworten ohne Erkenntnis.
„The most dangerous mistakes are not wrong answers, but asking the wrong questions.“
Out of the Box-Denken klingt inspirierend – kann aber im Kanzleialltag auch verunsichern:
Deshalb braucht es Übersetzung:
Neue Fragen müssen anschlussfähig sein an den Alltag, an Mandanten, an Prozesse.
Sonst bleiben sie schöne Gedanken ohne Wirkung.
Beim nächsten Kanzleigespräch, beim nächsten Strategietag oder KI-Projekt:
Bevor ihr euch entscheidet zwischen
A: Prozess
B: Tool
C: Schulung
stellt euch gemeinsam diese eine Frage:
Was wäre „None of the Above“ – und warum denken wir nicht darüber nach?
Manchmal beginnt genau dort die eigentliche Entwicklung.
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