Unternehmerwissen für Steuerberater & Steuerkanzleien

Zukunft der Steuerberatung Mittelmeer

Ausgerechnet Griechenland: Warum die Zukunft der Steuerberatung am Mittelmeer beginnt

Was Hessen mit Griechenland, Italien und der Zukunft der Steuerberatung zu tun hat

Stell dir vor, du sitzt im Frühsommer 2026 in deiner Kanzlei, trinkst deinen Kaffee und scrollst durch die Nachrichten.

Hessen macht jetzt die Steuererklärung für dich“, lautet die Schlagzeile. Und wenn Du Deine Kanzlei in Hessen hast, hast Du die Werbung dazu sicher schon gesehen.

Du lehnst dich zurück und denkst: „Interessant. Betrifft mich aber nicht unmittelbar. Meine Kanzlei lebt nicht von einfachen Arbeitnehmerfällen.“

Und genau an diesem Punkt wird es spannend.

Denn die vorausgefüllte Steuererklärung aus Hessen ist nicht die eigentliche Nachricht. Sie ist lediglich ein weiteres Puzzleteil einer Entwicklung, die das Geschäftsmodell von Steuerkanzleien grundlegend verändern wird.

Wer verstehen möchte, wohin die Reise geht, sollte nicht nur nach Wiesbaden schauen.

Sondern auch nach Athen. Und nach Rom.

Ausgerechnet Griechenland und Italien?

Hand aufs Herz:

Wenn deutsche Steuerberater über digitale Vorreiterstaaten nachdenken, fallen meist Estland, Dänemark oder vielleicht Singapur.

Aber Griechenland? Italien? Eher nicht.

Vielleicht liegt das an unseren Klischees von Siesta, Dolce Vita und mediterraner Gelassenheit (oder Schattenwirtschaft). Umso überraschender ist der Blick auf die Realität.

Denn während Deutschland vielerorts noch über Fristen, Zuständigkeiten und Verfahrensfragen diskutiert, haben Griechenland und Italien in zentralen Bereichen längst digitale Strukturen geschaffen, die den Berufsalltag von Steuerberatern bereits verändern.

Und zwar nachhaltig.

Griechenland als Spiegel – und was er für die Zukunft der Steuerberatung zeigt

Am 18. April 2026 hat mich ein Artikel in der NZZ aufhorchen lassen: „Griechenland macht Jagd auf Steuersünder“.

Nicht wegen der Überschrift.

Sondern wegen der Geschichte dahinter.

Seit 2017 hat die griechische Steuerbehörde AADE unter ihrem Chef Giorgos Pitsilis eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. Transaktionen werden digital erfasst und überwacht. Bankdaten sind mit der Verwaltung vernetzt. Ein digitales Buchhaltungssystem arbeitet im Hintergrund kontinuierlich mit.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Milliarden an zusätzlichen Steuereinnahmen und eine drastisch reduzierte Mehrwertsteuerlücke.

Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Griechenland hat nicht einfach Prozesse digitalisiert. Das Land hat das gesamte System neu gedacht (auch wenn es nicht ganz freiwillig, sondern von der EU „verordnet“ war).

Während in Athen Transaktionen zunehmend automatisiert verarbeitet werden, beschäftigen wir uns in Deutschland noch häufig mit Fragen, die erst entstehen, weil Daten nicht automatisch verfügbar sind.  

Das ist keine Kritik. Aber ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich die Entwicklungsgeschwindigkeit mittlerweile geworden ist.

Die Steuerlotterie: Nudge statt Vorschrift

Mein persönliches Lieblingsdetail aus Griechenland ist allerdings ein anderes.

Die Steuerlotterie.

Wer digital bezahlt und eine Rechnung anfordert, nimmt automatisch an einer monatlichen Verlosung teil. Der Staat macht Steuerehrlichkeit nicht attraktiver durch zusätzliche Kontrollen, sondern durch positive Anreize.

Menschen werden nicht gezwungen. Sie werden motiviert. Das ist das Prinzip „Nudge“ in Reinform.

Und während ich darüber nachdachte, stellte sich mir eine andere Frage: Warum nutzen eigentlich Kanzleien solche Mechanismen so selten?

Stell dir vor, du möchtest Mandanten zur E-Rechnung bewegen oder Mitarbeiter motivieren, digitale Prozesse voranzutreiben.

Statt weiterer Rundmails und Schulungen könnte jede erfolgreiche Umstellung ein Los für eine interne Verlosung bedeuten. Am Quartalsende gibt es ein gemeinsames Abendessen, einen kleinen Preis oder einfach Anerkennung vor dem Team.

Klingt spielerisch? Genau das ist der Punkt. Menschen verändern Verhalten oft leichter durch Motivation als durch Anweisung.

Von wegen Dolce Vita - auch Italien zeigt wie es geht

Noch beeindruckender wird das Bild beim Blick nach Italien.

Dort gilt für Steuererklärungen und Jahresabschlüsse eine Frist, die aus deutscher Sicht fast unrealistisch wirkt.

Ende April des Folgejahres. Für alle. Ohne Ausnahme.

Während deutsche Kanzleien vielfach auf Fristverlängerungen angewiesen sind, um die Arbeitslast zu bewältigen, arbeiten italienische Unternehmen und Berater mit deutlich kürzeren Zeiträumen.

Der Grund dafür liegt nicht in längeren Arbeitstagen oder weniger Bürokratie.

Sondern in einer konsequenten prozessoptimierten und digitalen Infrastruktur

Übrigens: bereits seit 2019 ist die elektronische Rechnung für nahezu alle inländischen Transaktionen verpflichtend. Jede Rechnung läuft über eine zentrale Plattform der Finanzverwaltung. Die Daten stehen dadurch in Echtzeit zur Verfügung.

Das Finanzamt weiß, was passiert. Der Unternehmer weiß, was passiert. Und der Steuerberater ebenfalls.

Der Jahresabschluss wird dadurch wieder zu dem, was er eigentlich sein sollte:

Eine Zusammenfassung – Keine Überraschung.

Hessen ist nicht das Ende. Hessen ist der Anfang.

Ab 2026 erhalten rund 200.000 hessische Steuerpflichtige eine vorausgefüllte Steuererklärung.

Viele Kanzleien betrachten das derzeit gelassen. Schließlich handelt es sich überwiegend um einfache Fälle.

Doch genau darin liegt die Gefahr. Wer die Entwicklung nur aus der Perspektive einzelner Einkommensteuererklärungen betrachtet, übersieht die eigentliche Dynamik.

In Griechenland hat die Digitalisierung schließlich auch nicht bei der Einkommensteuer angefangen. Sie hat die Buchhaltung verändert. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen verändert.

Und letztlich die Rolle des Beraters verändert.

Die spannende Frage lautet deshalb nicht, welche Tätigkeiten als Nächstes automatisiert werden.

Die spannendere Frage lautet:

Welche Leistungen werden Mandanten künftig überhaupt noch einkaufen?

Die Mandantenwelt verändert sich ebenfalls

Während viele Kanzleien darüber diskutieren, welche Aufgaben künftig von Software übernommen werden, verändert sich gleichzeitig die Struktur der Mandanten.

Junge Menschen gründen heute seltener klassische Einzelunternehmen.

Sie suchen häufiger Sicherheit in Kooperationen, Beteiligungsmodellen und größeren Organisationen.

Ärzte arbeiten in Medizinischen Versorgungszentren. Fachkräfte werden Geschäftsführer. Experten werden Partner in größeren Einheiten. Unternehmerische Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern.

Dadurch entsteht nicht weniger Beratungsbedarf.

Sondern ein anderer.

Die steuerlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen werden komplexer. Beteiligungen, Geschäftsführervergütungen, Vermögensaufbau, Nachfolge und private Finanzplanung greifen immer stärker ineinander.

Genau darüber hat Cordula gerade in ihrem Beitrag „Wer ist mein Mandant der Zukunft – und wenn ja, wie viele?“ geschrieben.

Die Zukunft der Steuerberatung entscheidet sich deshalb nicht allein an der Frage, welche Tätigkeiten wegfallen. Sondern daran, welche neuen Beratungsleistungen entstehen.

Und was machen griechische Steuerberater heute?

Die Antwort ist einfach:

Sie beraten.

Seit der Einführung von myDATA werden viele Transaktionen automatisiert an die Finanzverwaltung übermittelt. Der klassische Aufwand rund um Erfassung, Nachbearbeitung und Abstimmung sinkt deutlich.

Das bedeutet nicht das Ende des Berufs. Es bedeutet eine Verschiebung der Wertschöpfung.

Erfolgreiche Kanzleien konzentrieren sich stärker auf strategische Steuerplanung, Unternehmensentwicklung, internationale Fragestellungen, Transaktionen und die Begleitung digitaler Geschäftsprozesse.

Sie verbringen weniger Zeit mit dem Hinterherlaufen von Belegen. Und mehr Zeit mit den Fragen, die Mandanten wirklich beschäftigen.

Eigentlich genau die Art von Arbeit, für die die meisten Menschen einmal Steuerberater geworden sind.

Die eigentliche Frage: Was machst Du in Deiner Zukunft der Steuerberatung?

Die spannende Frage lautet also nicht, ob das hessische Modell in ganz Deutschland Schule macht.

Und auch nicht, ob Griechenland oder Italien die besseren Steuersysteme haben.

Die spannende Frage lautet:

Welche Dienstleistungen wird deine Kanzlei in drei oder fünf Jahren verkaufen?

Wenn Routinetätigkeiten verschwinden, entsteht Raum für etwas Neues. Für Beratung. Für Begleitung. Für unternehmerische Sparringspartnerschaft. Für genau die Themen, die Mandanten nicht automatisieren können.

Vielleicht sind Griechenland und Italien deshalb die eigentliche Überraschung dieser Geschichte. Nicht weil sie digitaler geworden sind. Sondern weil sie zeigen, was passiert, wenn Digitalisierung selbstverständlich wird.

Dann rückt endlich das in den Mittelpunkt, worum es im Beruf von Steuerberatern eigentlich geht:

Die Beratung von Menschen und Unternehmen.

Und das ist eine ziemlich gute Nachricht.

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