Unternehmerwissen für Steuerberater & Steuerkanzleien
Ich wollte nur wissen, was Mods sind. Die Antwort lautete:
„Technisch sind Mods Hooks, die in Plug-ins verwendet werden.“
Danach wusste ich vor allem eines: Ich brauche offenbar erst drei weitere Erklärungen, um die Erklärung zu verstehen.
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Auf YouTube war ich über ein Video gestolpert, in dem Mods als das neueste heiße Must-Have in der KI-Welt gefeiert wurden. Skills, so klang es zumindest, könne man damit praktisch schon wieder vergessen.
Moment mal. Skills? Die wurden doch gerade erst als Revolution bejubelt?
Und hatte ich nicht erst kürzlich gelernt, was ein Harness ist? MCP habe ich inzwischen auch einigermaßen verstanden, bei Plugins fühlte ich mich eigentlich schon recht sicher und Agenten gehören fast schon zum alten Bekanntenkreis. Und nun also Mods.
Wer als Steuerberater versucht, die Entwicklung rund um KI nicht nur zu beobachten, sondern tatsächlich zu verstehen, dürfte dieses Gefühl kennen: Kaum hat man einen neuen KI-Begriff einigermaßen einsortiert, lauert hinter der nächsten KI-Tür schon der nächste.
Das Ganze erinnert mich zunehmend an meinen Physikunterricht. Ich war durchaus in der Lage, Definitionen auswendig zu lernen. Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse, Kraft und Energie – für die nächste Klassenarbeit bekam ich das irgendwie in den Kopf.
Nur verstanden hatte ich Physik deshalb noch lange nicht.
Mir fehlte das Bild davon, wie diese Dinge miteinander zusammenhängen. Und genau dieses Gefühl beschleicht mich inzwischen wieder, wenn ich mich mit KI beschäftige.
Natürlich kann ich mir merken, dass MCP für „Model Context Protocol“ steht. Wunderbar, damit kenne ich jetzt drei weitere englische Wörter. Nur was MCP eigentlich mit Skills, Agenten oder einem Harness zu tun hat, weiß ich deshalb noch lange nicht.
Ich kann mir auch Definitionen für Hooks, Plugins und Mods heraussuchen. Am Ende habe ich dann eine beachtliche Sammlung digitaler Karteikarten im Kopf und trotzdem keine Vorstellung davon, wie das Ganze zusammenspielt.
Genau deshalb glaube ich, dass uns bei KI nicht noch ein Glossar, also eine Sammlung KI-Begriffe für Steuerberater fehlt. Davon gibt es genügend.
Was uns fehlt, ist eine Einordnung.
Seitdem stelle ich bei neuen Begriffen nicht mehr zuerst die Frage: „Was ist das?“, sondern: „Wo gehört das hin und welche Aufgabe übernimmt es dort?“
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, verändert aber erstaunlich viel.
Denn plötzlich muss ich nicht mehr überlegen, ob MCP besser ist als ein Skill oder ob ein Hook demnächst durch einen Mod ersetzt wird. Vielleicht vergleichen wir dabei Dinge miteinander, die ganz unterschiedliche Aufgaben haben.
Und damit sind wir bei einem Bild, das für mich wesentlich besser funktioniert als jedes technische Schaubild: Angela’s KI-Küche.
Wenn wir uns die KI-Welt als Küche vorstellen, brauchen wir zunächst
Die technischen Feinheiten sind natürlich komplizierter. Aber zum ersten Mal habe ich nicht mehr fünf Definitionen vor mir, sondern ein Bild, in das ich neue KI-Begriffe einordnen kann.
Damit relativieren sich für mich auch viele der Überschriften, die uns täglich begegnen.
Wenn mir jemand erklärt, Skills seien jetzt tot, weil Mods kommen, möchte ich zunächst wissen, wo beide eigentlich in unserer Küche wohnen.
Denn ein neues Küchengerät macht schließlich auch das Rezept nicht überflüssig. Der Wasseranschluss ersetzt nicht den Herd und eine neue Küchenmaschine führt hoffentlich nicht dazu, dass wir künftig die Vorratskammer abschaffen.
Deshalb werde ich bei Aussagen wie „X ist tot, jetzt kommt Y“ zunehmend vorsichtig. Manchmal steckt dahinter tatsächlich ein grosser Entwicklungssprung. Manchmal braucht ein YouTube-Video aber auch einfach eine Überschrift, auf die wir klicken.
Für mich ist inzwischen die interessantere Frage: Was hat sich in unserer Küche tatsächlich verändert?
Und genau hier liegt für mich die eigentlich spannende Entwicklung.
Vor gar nicht allzu langer Zeit bestand KI für die meisten von uns aus einem relativ einfachen Prinzip: Ich schreibe etwas in ChatGPT und ChatGPT schreibt etwas zurück.
Inzwischen greifen KI-Systeme auf Wissen zu, benutzen Werkzeuge, verarbeiten Dateien, befolgen Regeln, übergeben Aufgaben, arbeiten mit anderen Systemen zusammen und erledigen zunehmend mehrere Arbeitsschritte hintereinander.
Aus dem einzelnen Koch wird nach und nach eine komplette Küche.
Damit entstehen zwangsläufig neue Fragen. Woher kommen unsere Zutaten? Auf welches Wissen darf die KI zugreifen? Welche Rezepte geben wir ihr mit? Welche Geräte darf sie benutzen? Was soll automatisch passieren und an welcher Stelle möchten wir lieber einen Menschen hinzuholen, bevor das Soufflé endgültig zusammenfällt?
Und plötzlich wirken Skills, Tools, MCP, Hooks und Harness gar nicht mehr wie eine Ansammlung technischer Modewörter. Sie beschreiben unterschiedliche Bestandteile einer Arbeitsumgebung, die wir künftig vermutlich ganz selbstverständlich nutzen werden.
An dieser Stelle höre ich den einen oder anderen schon sagen: „Angela, ich bin Steuerberater. Ich möchte weder KI-Informatiker werden noch nachts von Hooks träumen.“
Musst Du auch nicht.
Ich halte es sogar für ziemlich unwahrscheinlich, dass die meisten Steuerberater jemals selbst einen MCP-Server aufsetzen oder einen Harness programmieren werden. Genauso wenig musst Du Deinen Wasseranschluss selbst verlegen, um in Deiner Küche kochen zu können.
Aber wenn KI zunehmend Bestandteil der Kanzleiorganisation wird, sollten wir zumindest wissen, wo die wichtigsten Dinge stehen und wozu wir sie brauchen könnten.
Denn dann verändert sich die Diskussion in der Kanzlei. Statt nur zu fragen „Welches KI-Tool sollen wir kaufen?“ können wir viel interessantere Fragen stellen: Wo liegt eigentlich unser Kanzleiwissen und wie kommt die KI daran? Welche Aufgaben wollen wir ihr als festes Rezept mitgeben? Auf welche Programme und Daten darf sie zugreifen? Was soll automatisch passieren? Wo darf sie selbstständig arbeiten und wann soll zwingend ein Mensch übernehmen?
Spätestens dann reden wir nicht mehr über ein technisches Spielzeug. Wir reden über Kanzleiorganisation und die Gestaltung künftiger Arbeitsplätze.
Und dafür muss ich nicht jedes Detail verstehen. Ich möchte aber wissen, was in meiner Küche steht.
Einen gewissen Unterhaltungswert hat unsere momentane Sprachverwirrung übrigens auch.
Während wir uns darüber ärgern, dass die KI-Welt mit Begriffen wie Harness, Hooks und Context Engineering um sich wirft, könnten wir einmal einen zufällig ausgewählten Mandanten auf unsere eigene Kanzleiwebsite setzen. Dort begegnen ihm womöglich EÜR, GoBD, ZUGFeRD, XRechnung, Verfahrensdokumentation, Sonderbetriebsvermögen, Thesaurierungsbegunstigung und verdeckte Gewinnausschüttung.
Und anschließend fragen wir freundlich: „War doch verständlich, oder?“
Touche.
Vielleicht ist unsere momentane KI-Verwirrung deshalb sogar eine ganz wertvolle Erfahrung. Wir erleben gerade am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn Experten mit Fachbegriffen hantieren, deren Bedeutung sie selbst völlig selbstverständlich finden. Für eine beratende Branche ist das möglicherweise eine ziemlich gute Lektion.
Deshalb möchte ich hier auch nicht einfach ein weiteres KI-Glossar anfangen. Wenn wir heute MCP definieren, nächste Woche Harness und übernächste Woche Mods, wissen wir zwar irgendwann sehr viel – nur möglicherweise immer noch nicht, wie das alles zusammenhängt.
Stattdessen möchte ich gemeinsam mit Euch nach und nach unsere KI-Küche kartografieren.
Dafür bekommt jeder neue KI-Begriff dieselben fünf Fragen mit auf den Weg:
Wenn dann morgen der nächste Begriff auftaucht, müssen wir nicht wieder bei null anfangen. Wir schauen uns an, welche Funktion er übernimmt und suchen den passenden Platz in unserer Küche.
Und weil bei der Geschwindigkeit der KI-Entwicklung vermutlich schon bald die Vorratskammer zu klein wird, braucht Angela’s KI-Küche dafür Verstärkung.
Chef Pablo ist als Chefkoch natürlich weiterhin gesetzt. Ihn interessieren technische Definitionen ohnehin nur am Rande. Seine bevorzugte Frage lautet seit jeher:
„Und was können wir damit kochen?“
Eine ausgesprochen vernünftige Haltung, die ich auch jedem Kanzleiinhaber empfehlen würde.
Doch jemand muss schließlich den Überblick über die ständig eintreffenden neuen Zutaten behalten. Und dafür bekommt Chef Pablo ab sofort eine Sous-Chefin: MCPiggy.
Ja, tatsächlich eine kleine Sau. Allerdings eine, die sich ausdrücklich weigert, durchs Dorf getrieben zu werden.
Wenn künftig wieder MCP, RAG, Skills, Harness, Hooks, Mods, A2A oder irgendein Begriff, den wir heute noch gar nicht kennen, mit grossem Getöse durch die KI-Welt rennt, wird MCPiggy ihn erst einmal in Empfang nehmen. Sie schaut nach, was dahintersteckt, wo die neue Zutat in unserer Küche hingehört, womit sie zusammenspielt und ob wir sie für unseren Kanzleialltag überhaupt gebrauchen können.
Denn vielleicht müssen wir bei der rasanten KI-Entwicklung gar nicht versuchen, jeder neuen Sau hinterherzulaufen.
Es könnte völlig ausreichen, jemanden zu haben, der weiß, in welchen Stall sie gehört.
Und genau das werden MCPiggy, Chef Pablo und ich künftig in Angela’s KI-Küche versuchen.
Den Anfang machen wir natürlich mit Mods. Denn falls Ihr Euch erinnert: Eigentlich wollte ich ja nur wissen, was das ist. 😉
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