Unternehmerwissen für Steuerberater & Steuerkanzleien
Stell dir vor, du sitzt in einer Demo für eine neue KI-Lösung. Der Anbieter lehnt sich vor, lächelt und sagt: „Unser KI-Agent erledigt deine Buchhaltung vollständig autonom.“ Du nickst. Klingt gut. Klingt modern. Klingt nach Zukunft.
Und dann fragst du nach: „Kann der Agent selbst entscheiden, welche Informationen er noch braucht?“ – Pause. – „Kann er seinen Plan anpassen, wenn sich etwas ändert?“ – Längere Pause. – „Kann er Ziele selbstständig in Teilschritte zerlegen?“ – Sehr lange Pause.
Willkommen im Zeitalter des Agent Washing. Diesen Begriff habe ich im Gartner Hype Cycle for Agentic AI zum ersten Mal gelesen.
Gartner ist eines der weltweit führenden Technologie-Forschungsunternehmen. Jedes Jahr veröffentlicht Gartner sogenannte Hype Cycles – Kurven, die zeigen, wo eine Technologie gerade steht: im ersten Hype, im Tal der Ernüchterung oder auf dem Weg zur produktiven Reife.
2025 hat Gartner gleich drei Hype Cycles veröffentlicht, die auch für Steuerkanzleien hochrelevant sind: für Agentic AI, für Künstliche Intelligenz allgemein und für Emerging Technologies. Und mitten drin stecken drei Aussagen, die ich für jeden, der eine Kanzlei führt, für unverzichtbar halte.
Du kannst Dir die drei Hype Cycles direkt bei Gartner herunterladen. https://www.gartner.com/en/articles/hype-cycle-for-agentic-ai
Mitten im Gartner-Report taucht ein Begriff auf, den ich sofort in mein Lieblingswort-Archiv aufgenommen habe: Agent Washing.
Das Prinzip kennst du eigentlich schon. Früher hieß plötzlich jede Software „Cloud“. Dann hatte jedes Tool „KI“. Jetzt nennt sich alles „Agent“. Dabei steckt technisch oft noch dieselbe alte Workflow-Engine dahinter – hübsch verpackt mit einem großen Sprachmodell obendrauf.
Gartner warnt: Ein echter KI-Agent kann planen, Entscheidungen treffen, Werkzeuge selbst auswählen und seinen Arbeitsplan verändern. Ein umgelabelter Workflow kann das nicht.
Stelle Dir vier Fragen, wenn Dir die nächsten KI-Agenten präsentiert werden:
Vier Mal „Nein“? Dann hast du womöglich eine gute Workflow-Automatisierung vor dir oder gute KI-Assistenten, die einem detaillierten Prompt folgen – und das ist übrigens gar nichts Schlechtes. Viele Kanzleien brauchen heute genau das. Aber nenn es beim richtigen Namen.
Frühere Technologiewellen – Cloud, Big Data, IoT, Blockchain – brauchten acht bis fünfzehn Jahre, um sich zu entfalten. KI macht das nicht. KI beschleunigt sich selbst.
Große Sprachmodelle schreiben Code. Dieser Code hilft, bessere KI zu entwickeln. Bessere KI baut leistungsfähigere Agenten. Agenten entwickeln neue Werkzeuge. Und diese Werkzeuge beschleunigen den nächsten Zyklus.
Das ist keine lineare Innovation mehr. Das ist eine Innovationskaskade – ein positiver Rückkopplungseffekt, der sich selbst antreibt. Gartner hat deshalb bereits einen eigenen Hype Cycle nur für Agentic AI herausgeben – parallel zum allgemeinen KI-Hype-Cycle, in dem Agenten schon wieder nur ein Baustein unter vielen sind.
Vor drei Jahren sprach kaum jemand über KI-Agenten in der Steuerberatung. Heute gibt es zwei Hype Cycles, die sich damit beschäftigen. Das Tempo ist real.
Gartner schreibt nicht „Job Apocalypse“. Gartner schreibt: Job Chaos. Das ist ein riesiger Unterschied.
KI vernichtet nicht einfach Arbeitsplätze. KI schafft sogar mehr neue Jobs als verschwinden. Aber: Jedes Jahr werden über 32 Millionen bestehende Rollen weltweit massiv verändert. Nicht weg. Verändert.
Für Steuerkanzleien sieht diese Veränderung sehr konkret aus. Die 80 % Deklarationsarbeit, die heute den Alltag vieler Mitarbeiter:innen prägen, werden durch Automatisierung massiv wegfallen – die E-Rechnung lässt schon jetzt grüßen. Was bleibt, ist etwas Anderes: KI übernimmt die quantitative Vorprüfung, Menschen übernehmen die fachliche und qualitative Prüfung von KI und Ergebnis. Und die Beratungsvorbereitung? Läuft künftig mit KI – aber gesteuert von Menschen, die wissen, was sie tun.
Das klingt nach weniger Arbeit. Ist es aber nicht. Es klingt nach anderer Arbeit.
Denn gleichzeitig entstehen in Kanzleien zwei völlig neue Berufsbilder:
Der KI-Kurator – oder, für alle, die es etwas lebhafter mögen: der KI-Dompteur 😄. Die Person, die sich um die regelmäßige inhaltliche und technische Pflege der KI-Agenten kümmert. Die weiß, welcher Agent gerade zickt, welcher gefüttert werden muss und welcher dringend ein Update braucht. Nicht IT. Nicht Zufall. Sondern jemand, der versteht, wie die KI arbeitet, und sie kontinuierlich weiterentwickelt – und im Zweifelsfall auch wieder einfängt.
Der Datenqualitätsbeauftragte – oder, wie ich ihn liebevoll nenne: der Datenmüllmanager. Denn wie heißt es so schön? Shit in – Shit out. Wer schlechte Daten in eine KI füttert, bekommt schlechte Ergebnisse heraus. Jemand muss die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sauber halten. Und das ist eine echte, wichtige, anspruchsvolle Aufgabe.
Der Arbeitsplatz bleibt. Der Beruf verändert sich. Und genau diese Übergangsphase – mit allem, was dazugehört: Unsicherheit, Neuorientierung, Lernen unter laufendem Betrieb – nennt Gartner Chaos.
Nicht weil alles zusammenbricht. Sondern weil Übergangsphasen nun mal chaotisch aussehen, bevor sie sich neu ordnen.
Gartner macht noch eine Aussage, die ich für fast noch wichtiger halte als alle Agenten-Diskussionen: Der Engpass der nächsten Jahre wird nicht das KI-Modell sein. Der Engpass wird die Datenqualität sein – und die Fähigkeit, KI überhaupt sinnvoll einzusetzen.
Mit schlechten Unterlagen entsteht schlechte KI. Das gilt für jedes KI-Tool in der Kanzlei.
1. Kritisch bleiben bei KI-Demos. Agent Washing ist real. Lass dich nicht von Buzzwords blenden – stell die vier Fragen aus diesem Beitrag.
2. Datenqualität als strategisches Führungsthema behandeln. Nicht als IT-Aufgabe. Als Führungsaufgabe. Wer heute seine Daten und Prozesse ordnet, hat morgen einen echten Vorsprung.
3. Dein Team zu KI-Kuratoren entwickeln. Nicht zu KI-Nutzern, die ein Tool bedienen. Zu Menschen, die KI steuern, hinterfragen und weiterentwickeln. Das ist der Unterschied zwischen Human in the Loop und Human in the Lead.
Das Chaos kommt. Aber Chaos ist kein Fehler im System – es ist der Übergang. Und wer weiß, dass er kommt, kann sich darauf vorbereiten.
Wenn du wissen möchtest, wie das konkret für deine Kanzlei aussehen kann – buch Dir gern einen Kennenlerntermin. Wir navigieren das gemeinsam.
Quellen: Gartner Hype Cycle for Agentic AI 2025, Gartner Hype Cycle for Artificial Intelligence 2025, Gartner Hype Cycle for Emerging Technologies 2025
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